Publikationen
Christoph Tannert, Aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung Portrait I in der Galerie Tammen, Berlin, Juni 2023
Den Auftakt zur Ausstellung bietet Bettina Sellmann mit Bildern, die aus der Welt des Barocks und des Rokokos schöpfen, aber auch Einflüsse von Glam und Manga aufnehmen. Mädchenhaftes und Hello-Kitty-Anklänge, Süßliches und Energetisches, Zuckerguss und ein untrügliches Gefühl für die Wirkung von Farbe gehen eine poppige Verbindung ein, die sich in brachialen Farbgewittern, selbst in den kleinsten Bildern, entlädt. „Family/Bloodline“, Mutter und Kind-Motive, „Beach Kids” etwa sehe ich als die kraftvollen Bildbeweise einer Künstlerin, die sich pathosfrei und wissend im Universum der Farbe austobt. […]
Dr. Isa Bickmann, Aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung EASYMAGIC123 im Kunstverein Offenbach, Dezember 2021
Cute Empowerment“ nennt Annekathrin Kohout die Bewegung, die über das Internet erschienen ist und sich den dunklen Seiten des Netzes entgegenwirft, um in rosa-glitzernden Kawaii-Figuren die Niedlichkeit als positiven Stimulus zu nutzen. […] Bettina Sellmann nutzt ihre pastellfarben-zuckrige Barock- und Kawaii- oder Kidult-Figuren, um sich einer Ästhetik zu bemächtigen, die bislang einer klischeehaften und diskriminierenden Zuweisung diente. Durch die Affirmation überwindet sie Vorurteile, lässt diese transparent werden. […]
Christoph Schütte, Auszug aus: Lena, Ellen, Issa und die anderen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Juli 2022
Unheimlich mag man all die „Hübschen Mädchen“, die „Lulus“ und „Issas“ nennen, wie sie seit einigen Jahren schon aus Bettina Sellmanns Bildern blicken. Weiß man doch nie so recht, woran man mit diesen in Romantik und Rokoko, Manga, Pop und Bad Painting gleichermaßen sich zu Hause fühlenden Porzellangesichtchen ist. Und doch blickte, sagen wir, „Lulu Rosé“ oder „Untitled (Pink)“ mit ihren blauen Augen statt somnambul ins Leere den Betrachter an, man bliebe stumm. Und stellte keine Fragen. […]
Dr. Gabi Ivan, Aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung außer sich – inner ich in der Inselgalerie Berlin, September 2022
Bettina Sellmann bezeichnet ihre Bilder als „durchsichtige Versionen alter Meister“, das heißt in unserm Fall barocke Meister und deren Porträtauffassung. Die Posen von Herrschern und Adligen fixierten damals auftragsgemäß deren Wichtigkeit und Bedeutung auf ewig für die Nachwelt. Ahnengalerien und Museen sind voll davon. Aber diese Repräsentationsporträts im immer gleichen Darstellungskanon ohne wirkliche Identität hinterm Schleier der Zeit sind heute für uns in die Beliebigkeit gesunken. Sellmann überträgt die Eigenheiten der barocken Bildnisse und den damaligen Zeitgeist metaphorisch kühn auf unsere Gegenwart: „Mehr Schein als Sein“ – versteckt geben Sellmanns Bilder Hinweise auf die Aktualität dieses Mottos. Die neuen fotografischen Posen typisierter Personen werden schon durch ihre Titel ironisiert: A Grassman – ein Grasmann oder Entitlement – Anspruch, letzteres hieß während des Ausstellungsaufbau bei uns nur „Der kleine Prinz“ als Synonym für „Helikopterkind“. Die transparenten Einhausungen von Figuren nehmen durch die flüssigen Farbverläufe den kommenden Zeitschleier vorweg – getreu dem Bibelwort „Es ist alles eitel“, das der barocke Dichter Andreas Gryphius zum Titel eines Gedichts wählte. Last not least: Meine Kollegin Kathrin ließ sich zu einer Beobachtung inspirieren, die Ihnen/Euch nicht vorenthalten bleiben soll: „Die kindlichen porzellanartigen Geschöpfe sind keine Charakterköpfe. ... Sie sind selbst wie Bonbons, die zerkaut werden. ... Diese harmlose Bonbonwelt ist ebenso süß, wie sie Aggressionen auslöst.“
